[Produkttest] Buch: „Die Psyche des Hundes“ von R. Mehl

Ein zweites Mal bekam ich vom KOSMOS Verlag ein Rezensionsexemplar angeboten. Die einleitenden Worte lauteten: „[W]arum hat ein Hund Angst vor Silvester, jagt die Nachbarskatze oder zerrt an der Leine? Das hat alles mit Neurobiologie zu tun! Denn das Verhalten wird von Prozessen im Gehirn gesteuert.“ – das packte mich direkt, immerhin befasse ich mich seit Anfang des Jahres intensiv mit dem Verhalten von Mensch und Hund. Auch das Versprechen „Komplexe Zusammenhänge anschaulich erklärt“ auf dem Cover reizten mich, das Buch schnell in die Hände bekommen und lesen zu wollen. Es schien, als sei Robert Mehls „Die Psyche des Hundes“ die perfekte Ergänzung zu meinem Umgang mit Rosa und Kala – fernab der konventionellen Hundeerziehung.

Das Buch „Die Psyche des Hundes“ von Robert Mehl wurde mir kostenlos zur Verfügung gestellt. Dieser Beitrag stellt dennoch meine objektive Meinung dar.

Kala interessiert sich exzessiv für soziale Fragestellungen und hinterfragt Regeln unter Artgenossen.

Klappentext

„Das Gehirn ist die Schaltzentrale,  von hier aus werden nahezu alle Körperfunktionen gesteuert, Gefühle hervorgerufen, Verhalten ausgelöst und wieder eingefangen, sowohl beim Menschen als auch beim Hund. Doch wie ist das Gehirn aufgebaut und wie funktioniert die „Datenübertragung“? Wie kommen Bilder, Gerüche und Geräusche über die Sinnesorgane ins Gehirn? Und wie werden sie zu Gefühlen, Verhalten und Erinnerungen weiterverarbeitet? Was passiert bei Stress? Und wozu dient der Schlaf?

Der Psychologe Robert Mehl bereitet das Thema Neurobiologie anschaulich und spannend auf und überträgt sein Wissen behutsam auf den Hund. Er erklärt z.B., warum bei Aggression der Funktionskreis „Nahrung“ ausgeschaltet wird und man deshalb einen knurrenden, an der Leine tobenden Hund nicht mit einem Leckerli locken kann oder wie das gelbe Postauto an Bedeutung gewinnt.“

Gebundene Ausgabe: 256 Seiten.
Verlag: KOSMOS Verlag; Auflage 1 (2021).
Preis: EUR 25,00.

Der Themenaufbau

Das Buch ist in neun Bereiche gegliedert:

  • Einblicke in das Gehirn
  • Entwicklung des Gehirns
  • Wahrnehmunspsychologie
  • Abbildungen
  • Emotionen
  • Das sensomotorische System
  • Stress, Erregung und Selbstregulation
  • Biorhythmen, Ruhe und Schlaf
  • Bewusstsein

Diese begleiten den Leser von Anfang bis Ende durch das Buch. Das erste große Themengebiet erklärt zunächst die komplexe Anatomie des Gehirns sowie wichtige Strukturen und Funktionsweisen. Es bildet die Basis für die folgenden Kapitel, in denen sich der Autor Schritt für Schritt der Frage nach dem Bewusstsein des Hundes nähert. Die Komplexität jedes Themenbereiches ist hoch, die Zwischenüberschriften lotsen den Lehrer jedoch durch den Text und vermitteln eine feste Struktur. Anhand des Inhaltsverzeichnisses wird man demnach schnell fündig, wenn man sich noch einmal zu einem speziellen Thema belesen möchte. Zusätzlich befindet sich ein Register am Ende des Buches, in welchem die wichtigsten Fachbegriffe alphabetisch geordnet sind. Der Autor gibt durch Exkurse und das Aufgreifen vorheriger Kapitel immer wieder Gelegenheit, einen bestmöglichen Zugang zum Thema zu finden. Hier gibt es eine Leseprobe inklusive der Inhaltsüberischt.

Wie wird aus einem Reiz ein Gefühl? Ist die Reaktion auf einen Reiz zu beeinflussen?


Das Layout

Wie vom KOSMOS Verlag gewohnt, lässt die qualitative Verarbeitung des Buches nichts zu wünschen übrig. Schon das Cover – eine Kopfhälfte eines Hundes mit gestochen scharfen blauen Augen – hat mich sofort in seinen Bann gezogen.

Die einzelnen Kapitel werden mit großen Überschriften eingeleitet, die folgenden inhaltsreichen Abschnitte werden durch verschiedene Zwischenüberschriften begonnen. Auf der jeweils linken Seite befindet sich unten neben der Seitenzahl der Name des Kapitels, auf der rechten Seite die aktuelle Zwischenüberschrift, deren Themen zuweilen erneut in Unterkategorien aufgeteilt wurden.

Auf 12 Seiten befinden sich insgesamt 20 Schwarz-Weiß-Abbildungen zu verschiedenen Themenschwerpunkten.

Verständlichkeit der Thematik

Obwohl Robert Mehl durch Exkurse und Verweise auf vorherige Kapitel einen klaren roten Faden von Anfang bis zum Ende des Buches gezogen hat, kann ich keinen Haken hinter „Thema verstanden“ setzen. Warum dies so ist, lässt sich relativ einfach erklären: kam ich auf den ersten Seiten noch gut mit meinem medizinischen Hintergrundwissen mit, wurde ich schon bald mit unglaublich vielen komplexen Fachbegriffen konfrontiert. So sehr ich mich bemühte: der orbitofrontale Cortex, die Glukokortikoidrezeptoren oder der ponto-mesencephalo-tegmentale Komplex brachten meinen Kopf zum Qualmen. Noch während ich probierte einen Begriff korrekt zu lesen, hatte ich den causalen Zusammenhang verloren. Auf Seite 14 steht geschrieben: „Teilt man das Gehirn entlang der beiden Hirnhälften mit einer Axt…“ – das ist eine Sprache, die ich verstehe!

Zwar wechselt der Autor zwischendurch zu Praxisbeispielen, aufgrund derer ich nachvollziehen konnte, worum es im jeweiligen Kapitel genau geht, allerdings fühlte ich mich schon kurz darauf wieder vom Fachjargon erschlagen. Diese Beispiele brachten mir den Moment des kurzen Aufatmens beim „Durchkämpfen“ der Lektüre. Umgangssprachlich würde ich den Text wohl als „trocken“ bezeichnen und ich kann nicht behaupten, dass ich das Hundeverhalten nun ganzheitlich verstehe.

Hunde kämpfen um Werte wie Freiheit und das Recht auf autonome Entscheidungen.


Das Fazit

Leider habe ich mich vom Klappentext und auch vom Buchcover fehlleiten lassen. „Komplexe Zusammenhänge anschaulich erklärt“ würde für mich wohl tatsächlich eher die Axt anstelle des periquäduktalen Graus beinhalten.

Das Buch „Die Psyche des Hundes“ ist sehr wissenschaftlich geschrieben und deshalb meiner Meinung nach eher für Personen geeignet, die wirklich motiviert sind, sich bis ins kleinste Detail mit der Neurobiologie auseinander zu setzen. Wer sich einfache Antworten auf die eingangs gestellten Fragen erhofft, sollte einen langen Atem und einen wachen Geist mitbringen. Für diejenigen wie mich, die sich lieber an der Praxis orientieren, sehe ich kaum eine Möglichkeit, sich mit dem Buch anzufreunden.

Grundsätzlich finde ich die Thematik weiterhin spannend und so einige Sätze begeistern mich und fehlen im allgemeinen Verständnis für den Hund häufig. Mit einem meiner liebsten Zitate aus dem Buch beende ich diese Rezension: „Werte stehen für die Frage, wofür der Hund eigentlich kämpft. Was ist ihm so viel wert, dass er dafür seine Gesundheit, manchmal sogar sein Leben, und neben den Schmerzen auch negatives soziales Feedback und andere Bestrafungen riskiert? Ähnlich wie Menschen kämpfen Hunde um Werte wie Status, Territorien, Ressourcen (Futter, Spielzeug), Sozial- und Fortpflanzungspartner (Familie), Freiheit und das Recht auf autonome Entscheidungen„.

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