Tollerantz

„‚Tollerantz‘ wird lieber falsch geschrieben als richtig gelebt…“, sagt Stefan Wittlin, ein Tierpsychologe aus der Schweiz, und erkennt damit das Wesentliche. Tolerare heißt ertragen. Bin ich tolerant, erdulde ich abweichende Meinungen oder Aktivitäten eines anderen Menschen. Wo aber hört meine Toleranz auf und fängt die des anderen an? Die deutsche Sozialpädagogin Helga Schäferling meint: „Die Spannweite der Toleranz reicht oft nicht mal von einer Haustüre bis zur nächsten.“ Und damit scheint sie in unserem Fall recht zu haben. Zwei Interessen prallen heftig aufeinander: die eine Seite, die keine Tiere im Haus haben möchte, und meine Seite, die fordert, dass der Hund als Familienmitglied akzeptiert wird.

Es hat sich Besuch angekündigt. Mit Kindern. Der Eingang sieht innerhalb von Sekunden aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Überall stehen Taschen herum und die ersten Spielzeuge fliegen durch die Gegend. Die Kinder sind aufgedreht und schreien herum. Sie sind müde von der Fahrt – natürlich! Außerdem haben sie Hunger. Es geht direkt an den Tisch. Wie immer landen die Krümel nicht nur neben dem Teller, sondern auch unter dem Tisch. Ups – der Kakao ist umgekippt! Na gut, dann muss die Tischdecke eben in die Wäsche. Weil es auf Dauer zu langweilig ist, geht es schon bald wieder ins Wohnzimmer. Die klebrigen Kuchenfinger werden auf den Teppich und an die Möbel geklatscht. Letzte Krümel suchen sich den Weg auf den Fußboden und beim Spielen wird gesabbert. Ein Kind muss aufs Klo. Das kann es schon alleine. Aber letztendlich hilft kein Schütteln und kein Klopfen – auf die Brille geht der letzte Tropfen! Wieder im Wohnzimmer folgt ein schnoddriger Nieser. Nur ein Teil landet auf dem T-Shirt, der Rest findet sich neben den Krümeln auf dem Teppich wieder. Mittlerweile haben die Kinder die Vase auf der Balustrade entdeckt. Leider zum letzten Mal, da sie runterfällt. Beim Wegsaugen der Scherben trete ich auf ein eckiges Spielzeug. Autsch! Der Tag vergeht mit viel Lärm. Am Ende wird alles wieder zurückgeräumt und sauber gemacht. Das macht natürlich der Gastgeber. Aber trozdem ist es ein schöner Tag. Hier wird gelebt und gelacht!

Wir sind eingeladen. Rosa darf mit. Am Eingang kontrollieren wir noch einmal, dass die Pfoten sauber sind und wir keinen unnötigen Dreck mit ins Haus tragen. Die Schuhe ziehen wir selbstverständlich aus. Obwohl Rosa noch nicht vor Ort war, erlaube ich ihr nicht, durch die Wohnung zu wuseln und alles zu inspizieren. Sie bleibt an meiner Seite – zur Not mit der Leine – und bekommt ihren Platz auf der Decke zugewiesen. Dort bleibt sie die ganze Zeit über liegen und verschläft im Idealfall die Zeit. Ende der Geschichte.

Was spricht gegen einen Hund im Haus?

Meiner Meinung nach gibt es nur zwei akzeptable Gründe, das Mitbringen eines caninen Familienmitgliedes abzulehnen: Nummer 1 ist eine Tierhaarallergie und Nummer 2 ist die Canophobie, also die (panische) Angst vor Hunden. Selbstverständlich muss in solchen Fällen nicht darüber diskutiert werden, ob der Hund mitkommt oder nicht. Die Ausgangslage ist noch einmal eine andere, wenn es bereits Tiere im Haus gibt oder ich als Besucher mit mehr als einem Hund auf der Matte stehe. Es kommt auf viele Faktoren an.

Die Liste der irrationalen Gründe ist hingegen länger. Ich versuche mich in die Lage derer zu versetzen, die keinen Hund im Haus haben wollen, denn in vielerlei Hinsicht verstehe ich ihre Bedenken. Wenn ich diese nicht aus dem Weg räumen kann, muss ich mit meinem Hund daran arbeiten oder ihn zuhause lassen. Das ist mein Anteil an der gegenseitigen Toleranz.

Der Hund bringt Unruhe ins Haus. Viele Hunde, besonders die jungen und aktiven, erkunden liebend gerne die neue Umgebung. Das ist für sie genauso spannend wie für Menschenkinder. Rumwuseln, die Räume durchstöbern und die Nase in fremde Angelegenheiten stecken ist aufregend! Als toleranter Hundehalter unterbinde ich das. Mein Hund bekommt seinen Hundeplatz zugewiesen und wartet dort so lange, wie der Aufenthalt dauert.

Der Hund stinkt. Es gibt diese Hunde, die wirklich unangenehm riechen und bei denen man nach dem Streicheln das dringende Bedürfnis hat, sich die Hände zu waschen und zu desinfizieren. Ein Hund mit stinkendem und fettendem Fell muss nicht sein. Für unseren Teil gilt: Rosa ist geruchsneutral und kein Mensch könnte erschnüffeln, dass in meiner Wohnung ein Hund lebt. Es sei denn, das Fell ist nass, doch dann ist der Geruch nur von kurzer Dauer.

Der Hund macht Dreck. Kommt man von draußen rein, kann es natürlich sein, dass sich noch ein bisschen Erde unter den Pfoten befindet. Auch spritzt der Schlamm gerne mal an den Bauch und die Schenkel des Hundes, trocknet und fällt dann ab. Sind wir zu Besuch, ist es für mich selbstverständlich, dass ich meine Schuhe ausziehe und – sollte es tatsächlich schlechtes Wetter sein – Rosas Pfoten und ihren restlichen Körper vom Dreck befreie. Und selbst wenn dann noch ein Nanopartikel Dreck an ihr ist – sie liegt ja nur auf ihrem Hundeplatz und kann nichts weiter dreckig machen!

Der Hund haart. Oh ja. Das können einige Hunde in der Tat sehr gut. Da reicht ein Angucken und schon rieselt es. Ich habe diese penetranten Haare auch nicht gerne überall in der Wohnung. Habe ich Besuch, dürfen sich die Hunde dennoch frei bewegen. Dann betätige ich halt einmal mehr den Staubsauger. Rosa verliert im Übrigen so wenig Haare, dass ich nur einmal alle zwei Wochen saugen muss und es trotzdem penibel sauber bei uns ist. Und wie viele Haare verliert ein Hund auf dem Weg von der Haustür bis zu seinem zugewiesenen Platz?

Der Hund sitzt mit seinem After auf dem Fußboden. Ohne Witz, das ist ein Argument, was mir genannt wurde und bei dem mir dann doch die Worte fehlen. Das ist natürlich vollkommener Quatsch. Im Sitz presst kein Hund seinen After auf den Boden, es sei denn er ist krank und „fährt Schlitten“.

Wie weit geht meine Toleranz?

Nicht jeder muss meinen Hund mögen. Nicht jeder muss einen Hund im Haus mögen. Aber jeder muss akzeptieren, dass Rosa bei uns ein vollwertiges Familienmitglied ist. Ich bin fast immer mit ihr zusammen und nur manchmal verbringen wir die Zeit getrennt voneinander. Ich liebe diesen Hund abgöttisch und würde so einiges für sie opfern. Für mich verliert das Leben an Qualität, wenn ich ohne triftigen Grund von ihr getrennt bin. Sie ist mein Seelentröster, meine beste Freundin und für mich mehr Familie, als so manch‘ anderer.

Ich weiß, dass nicht jeder die Anwesenheit (m)eines Hundes schätzt. Und in vielen Fällen nehme ich darauf Rücksicht, aber ich verschreibe mich nicht einer bedingungslosen Toleranz. Rosa ist ein Teil von uns. Mit Rosa haben wir das unglaubliche Glück, dass sie eine so ruhige Gesellin ist. Sie wuselt nicht rum, macht keinen Dreck und nein, sie fährt auch nicht Schlitten! Sie bleibt ruhig und unbemerkt auf ihrem Platz, mucksmäuschenstill.

Rosa immer „abzuschieben“ passt nicht in mein Weltbild einer heilen Familie. Und sie in einer Abstellkammer unterzubringen – sei diese noch so nah am Wohnzimmer – ist auch keine Lösung. Überspitzt gesagt: wer fände es toll, wenn ich den Besuch dulde, die mitgebrachten Kinder aber in die Abstellkammer schicken würde?

Vielleicht gibt es ja tatsächlich noch den triftigen Grund, der mich davon überzeugt, dass es wirklich so furchtbar ist, dass mein Hund mich begleitet. Tödliche Viren oder so. Ich bin offen für andere Meinungen, sofern sie nicht absolut phrenetisch sind. Bis ich davon aber nicht überzeugt bin, bleibe ich bei meinem Standpunkt: wer uns kein bisschen Toleranz entgegen bringt, kann demnächst lange auf einen Besuch von uns warten. Und darüber wäre ich in der Tat sehr traurig.

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Rosa – Raus aus dem Tierheim, rein ins Leben

2 Antworten auf „Tollerantz“

  1. Ein toller Beitrag! Das ist wirklich ein Thema, über das man sich Gedanken machen muss. Bei uns sind alle Hunde gern gesehen. Und ganz wichtig ist, dass auch der Besuch seine Schuhe anlassen darf. Ich finde das ganz furchtbar, wenn ich irgendwo zu Gast bin und Schuhe ausziehen muss. Das ist für mich schon ein Grund solchen Treffen auszuweichen. Schuhe gehören mit zum Outfit. 😉
    Ob wir Boerne mitnehmen ist immer unterschiedlich. Meist betonen unsere Freunde (egal ob sie Hunde haben oder nicht), dass wir ihn doch mitbringen sollen und das machen wir dann auch. Allerdings nicht zu großen Partys, da er Angst hat, wenn viele Menschen um ihn rumspringen. Zuhause fühlt er sich in solchen Fällen auf jeden Fall sicherer.

    Ansonsten finde ich es aber auch nicht schlimm, wenn ich ihn nicht mitnehmen kann. Aber da kommt es auch immer auf die Situation an. Müssen wir erst 2 oder 3 Stunden fahrt auf uns nehmen ist klar, dass Boerne mitkommen muss oder wir auch zu Hause bleiben werden.

    So eine richtige „Absage“, dass wir ihn nicht mitnehmen dürfen, haben wir aber noch nie bekommen.

    Liebe Grüße
    Steffi

    1. Hi Steffi, das ist ja witzig – bei uns zuhause müsstest du tatsächlich auch die Schuhe ausziehen. Ich bin das von Kindheit an gewohnt. 😀 Und ich finde den Gedanken ganz furchtbar, dass die dreckigen Straßenschuhe im Haus sind, wo ich mich auch gerne mal auf den Boden lege. 😀 Aber da sieht man mal, wie unterschiedlich wir Menschen alle sind. Ich finde es jedenfalls super, dass Boerne bisher überall mit hin durfte. Unser problematischer Besuch liegt tatsächlich 3 Stunden entfernt und wenn ich hinfahre, dann natürlich nicht nur für ein paar Stunden. Und auch wenn es wohl irgendwie möglich wäre, wen für Rosa zu finden, ist das für mich nicht der richtige Weg. Hab einen schönen Sonntag!

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