Hilflosigkeit

„Und jetzt möchte ich es noch in die Welt rausbrüllen: HELFT, verdammt nochmal! HELFT, wenn irgendwo Hilfe benötigt wird. Ich hatte auch Schiss, dass ich etwas falsch mache. Mein Arsch ist auf Grundeis gegangen. Gefühlt hatte ich ein absolutes Blackout, was Erste Hilfe angeht aber trotzdem habe ich ETWAS getan. Und das ist besser als NICHTS ZU TUN!“

Dies hier wird ein Text, den ich mir von der Seele schreibe. Ohne Struktur, dafür aber mit Emotionen.
Die Ereignisse sind noch vollkommen frisch und so ganz kann ich noch nicht realisieren, was da abgegangen ist.

Meinen zweiten Patienten heute besuche ich schon seit Jahren im Seniorenheim. Ich habe viele Patienten, die mit ihrem Leben abgeschlossen haben. Patienten, die viel erlebt haben und für die es nun auch „gut“ ist. Die keine Angst vor dem Tod haben, sondern diesen herbeiwünschen. So auch Herr K.* Wenn ich zu ihm kam, musste ich ihn zumeist aus dem Bett „schmeißen“, weswegen er den ein oder anderen Spitznamen abbekommen hat. „Herr Schlafmütze“ war einer davon. Wie oft hat er mich mit seiner Müdigkeit angesteckt!? Aber trotzdem haben wir stets super Einheiten miteinander verbracht. Mit Herrn K. konnte ich super scherzen. Wir haben unglaublich viel gelacht, Witze gerissen, bayrisch gesprochen (ja mei!) und er hat sich immer riesig gefreut, wenn Rosa und ich kamen. Bei schlechtem Wetter haben wir zumeist im Heim Therapie gemacht und sind ohne Rollator die Gänge und Treppen rauf und runter gegangen. Bei schönem Wetter habe ich ihn im Rollstuhl durch den Ort geschoben.

Heute Morgen war das Wetter perfekt. Aber ich war noch etwas schockiert von einem Beitrag bei Facebook: die Hündin Kylar war einen Abhang runtergestürzt und so gut wie NIEMAND hatte den verzweifelten Besitzern geholfen. Erst eine ausländische Familie hatte geholfen, allerdings ist es bereits zu spät für die Hündin gewesen. Diese schockierende Nachricht geisterte in meinem Kopf herum. Wie können Menschen nur nicht helfen???

Dann war ich aber bei Herrn K. Sofort stand fest, dass wir bei dem Wetter rausgehen würden und er bekam seine Mütze aufgesetzt und es ging los. Er war wirklich super drauf, war vollkommen bei mir, wir scherzten und genossen die angenehmen morgendlichen Temperaturen. Natürlich war Rosa mit dabei – uns drei hat man öfter zusammen gesehen. Es war wirklich schön!

Da wir uns nach etwa der Hälfte der gemeinsamen Therapiezeit in einer Sackgasse im Industriegebiet befanden, entschloss ich umzukehren. Kurz drehte ich mich nach hinten um, weil von dort ein LKW kam und Rosa frei neben uns herlief. Also rief ich Rosa ran, schaute wieder nach vorne und sah, dass der Patient im Rollstuhl zusammengesackt war.

Aus Pietät verzichte ich auf detaillierte Beschreibungen. Fakt ist jedoch, dass Herr K. nicht mehr ansprechbar war. Innerhalb von Sekunden hatte ich die 112 gewählt und sofort jemanden am Apparat, dem ich den Notfall melden konnte. Man könnte meinen, dass ich Glück hatte, denn direkt neben uns befand sich ein Paketzentrum. Ich lief ein paar Schritte auf einen Kurier mit mehreren Päckchen auf dem Arm zu und schrie nach Hilfe. Nach fünf Hilferufen kam er dann auch laaaaangsam näher. Ich selbst war in dem Moment vollkommen überfordert, immerhin war mir aber klar, dass wir den Patienten auf den Boden legen müssen, um die Wiederbelebungsmaßnahmen einzuleiten.

Nachdem Herr K. also auf dem Boden lag, rief ich erneut die 112 an. Der Mann in der Dienststelle half mir bei der Durchführung der Reanimationsmaßnahmen, während der Kurier mit den Worten: „Ich bringe mal die Pakete weg!“ auf und davon war. Und mich mit dem Patienten, einem Hund (eventuell hat er Rosa angebunden, ich kann gerade nicht sagen ob er das war oder jemand anderes) und der gesamten Situation alleine ließ.

Der Mitarbeiter der Rettungsleitstelle hat mir wirklich super Anweisungen gegeben und mir Mut gemacht, sodass ich die Herzdruckmassage bis zum Eintreffen des Rettungswagens durchführen konnte.
Zwischenzeitlich hielten zwei Kuriere an, sahen die Situation und kamen zu Hilfe. Da ich die Herzdruckmassage durchführte, informierten sie das Seniorenheim für mich und blieben in der Nähe, bis der RTW da war.

Ich erwähne es an dieser Stelle nur, weil es im oben genannten Hundebeitrag so hervorgehoben wurde: der, der abgehauen ist, war in diesem Falle ausländischer Herkunft und die beiden, die im Nachhinein dazu kamen, waren deutsche Kuriere.

(Unterlassene) Hilfeleistung ist also nicht von einer Nationalität abhängig!!!

Der RTW war unheimlich schnell vor Ort und fünf Minuten später kam auch der Notarzt dazu. Herr K. konnte jedoch nicht mehr wiederbelebt werden.

Nach eineinhalb Stunden war alles vorbei. Ich muss wirklich sagen, dass die Einsatzkräfte hervorragende Arbeit geleistet haben. Sowohl die Sanitäter als auch Notarzt und Polizei. Sie alle waren sehr mitfühlend, haben sich dutzende Male erkundigt, wie es mir geht, und waren wirklich unheimlich freundlich. Die Polizisten sind mit mir noch zum Paketzentrum gegangen, denn unter Umständen bekommt der erste Kurier eine Anzeige wegen unterlassener Hilfeleistung.

Es ist wirklich heftig, was da passiert ist. Ich bin wütend, dass dieser Wichser (jap, kein Blatt vorm Mund!) mich alleine gelassen hat. Ich bin dankbar, dass Rosa trotz Martinshorn, Trubel usw. einfach ruhig an meiner Seite geblieben ist. Ich bin auch dankbar, dass Herr K. nun dort ist, wo er hinwollte. Ich bin aber auch schockiert – was wohl kein Wunder ist.

Und jetzt möchte ich es noch in die Welt rausbrüllen: HELFT, verdammt nochmal! HELFT, wenn irgendwo Hilfe benötigt wird. Ich hatte auch Schiss, dass ich etwas falsch mache. Mein Arsch ist auf Grundeis gegangen. Gefühlt hatte ich ein absolutes Blackout, was Erste Hilfe angeht aber trotzdem habe ich ETWAS getan. Und das ist besser als NICHTS ZU TUN!

Und es ist scheißegal, ob da ein Mensch Hilfe benötigt oder ein Tier. Und verdammt nochmal, wenn Unfälle geschehen, BILDET RETTUNGSGASSEN, macht den Einsatzkräften Platz, hört auf zu GAFFEN und fahrt weiter, wenn genug Hilfe vor Ort ist. SEID KEINE VERFICKTEN ARSCHLÖCHER!!!

In diesem Sinne. – Zissi mit Rosa

P.s. Herr K. – Sie waren ein wundervoller und lustiger Mensch. Schlafen Sie gut!

* Der Buchstabe gibt keinen Aufschluss über seinen tatsächlichen Nachnamen

9 Antworten auf „Hilflosigkeit“

  1. Verdammt, sitze im Café und heul mir die Augen aus dem Leib. Danke, dass du geholfen hast! Ich wünsche dir ganz viel Kraft, das zu verarbeiten! Und Herrn K., dass er gut angekommen ist!

    Drück dich feste!

    Alles Liebe für dich und Rosa!

    Bine

  2. Ach Herje , wie Schrecklich was ich heute hier schon alles lesen musste. Erst dieser unglaublicher Vorfall bei Kylar und jetzt auch bei dir…
    Es ist schlimm, wie oft Menschen einfach wegschauen 🙁 🙁

    Ich bin für die Arbeit , ausgebildeter Ersthelfer (1x im Jahr wird aufgefrischt) jedoch auch ich musste ihn solchen Situationen bereits feststellen, dass auch ich meist nur Instiktiv handle. Unsere Ausbilder sagen IMMER „liebe 2 gebrochene Rippen mehr, als garnicht geholfen“

    Und Sie haben Recht! Helft Leute!

    Zissi dir wünsche ich alles Gute und vorallem viel Kraft das erlebte verarbeiten zukönnen <3

  3. Ich wünsche dir ganz viel Kraft, diesen Tag zu verarbeiten…. und Herr K. – Ruhe er in Frieden…..er durfte schnell aus einer schönen Situation heraus gehen…

  4. Fühl dich einfach nur gedrückt. Es ist schade, dass Herr K. nun seine letzte Reise angetreten hat, aber ich bin sicher, er war mit sich und der Welt im Reinen und sehr glücklich, bei dir und deiner Rosa zu sein. Die Ausflüge mit euch beiden haben ihm sicher sehr viel Spaß gemacht.

    Ich bin voll bei dir. Unterlassene Hilfeleistung ist nicht umsonst eine Straftat. Ich finde es das hinterletzte, einfach abzuhauen oder blöd zu gaffen. Wenn man nicht helfen kann, soll man es wenigstens versuchen. Notdienst alarmieren, jemanden holen, der helfen kann. Hund sichern, Straße absperren… es gibt viele Dinge, die man erledigen kann.

    Fühl dich nochmal ganz doll gedrückt.

    Flauschige Grüße
    Sandra & Shiva

    1. Es kann sein, dass er Rosa gesichert hat. So im Nachhinein weiß ich nicht ob er es war oder die Leute, die später kamen. Ich glaube er war das. Nichts desto trotz hätte er bleiben müssen…
      Danke für deine lieben Worte <3

  5. Oh nein, das glaub ich, dass das ein schwerer Tag für dich war. Tut mir sehr leid.

    Da bin ich schon sehr froh, dass ich regelmäßig von der Arbeit aus einen erste Hilfe-Kurs machen muss, auch wenn ich das Erlernte noch nicht im Ernstfall anwenden musste. Da ist wohl bei jedem in der ersten Sekunde alles erstmal weg. Aber gute Idee noch mal die 112 anzurufen und sich anleiten zu lassen.

    Unglaublich, dass sich der Kurier verpisst hat. Tut mir leid, dass der Patient nicht mehr wiederbelebt werden konnte, aber er hatte zumindest noch einen schönen Spaziergang und durfte dann gehen.

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